Inhaltsverzeichnis

Kurzbeschreibung

Die kleine (U. urens) und große (U. dioica) Brennnessel ist eine beständige, mehrjährige (nur U. dioica), krautartige Pflanze mit Brennhaaren. Diese wirken als Schutzmechanismus gegen Fressfeinde und sind überwiegend auf der Blattoberseite vorhanden. Es sind lange Röhren, deren Wände im oberen Teil durch eingelagerte Kieselsäure hart und spröde wie Glas sind. Das untere, flexible Ende der Röhre ist gefüllt mit der Brennflüssigkeit, deren Wirkstoffe Serotonin, Histamin, Acetylcholin und Natriumformiat (=Salz der Ameisensäure) sind. Durch Berührung mit den Brennhaaren wird unter anderem Histamin aus den Mastzellen der Haut freigesetzt. Es entstehen juckende Quaddeln, Schwellungen und Schmerzen auf der Haut. Die Brennnessel war damit namensgebend für das Krankheitsbild der „Nesselsucht“ (Urticaria).

Die Brennnessel ist reich an biologisch aktiven Inhaltsstoffen und wird als eine der wichtigsten Heilpflanzen in der Phytotherapie betrachtet.

Physiologische Wirkungen im Überblick

  • Blutzuckerregulierend
  • Durchspülung der Nieren, nierenprotektiv
  • Entwässernd
  • Entzündungshemmend
  • Förderung der Ausscheidung von Harnsäure, harntreibend
  • Hormonausgleichend
  • Immunmodulatorisch
  • Regulierung des Säure-Basen-Haushalt
  • Stärkendes Tonikum durch Eisengehalt
  • Stärkung von Haut, Haare und Nägel durch Kieselsäuregehalt
  • Stoffwechselanregend

Vorkommen

Die Brennnessel findet man fast weltweit an halbschattigen-sonnigen Orten auf Park- und Rasenflächen, Naturwiesen und am Waldesrand. Sie ist ein Indikator dafür, dass der Boden besonders fruchtbar, stickstoff- und nährstoffreich ist.

Inhaltsstoffe

Die Brennnessel hat einen Mineralstoffanteil von ca. 20%. Die mengenmäßig am häufigsten vorkommenden sind Kalzium, Magnesium, Kalium, Eisen, Silicium. Vitamine A, Vitamin C, Vitamin E, Linolsäure (ungesättigte Fettsäure in den Samen), Phenolcarbonsäuren (Ester der Kaffeesäure, Chinasäure, Chlorogensäure), Flavonoide (v.a. Rutin, Quercetin), Chlorophyll und Proteine. In den Brennhaaren biogene Amine wie Histamin, Serotonin, Acetylcholin.

Anwendungsmöglichkeiten

  • Blatt + Samen zum Verzehr
  • Extrakte (glycerinhaltig/alkoholisch) – Blatt
  • Kapseln (Trockenextrakt) – Blatt
  • Tee (auch für Auflagen, Haarwässer) – Wurzel und Blatt

Gegenanzeigen

  • Überempfindlichkeit/Allergie gegen Brennnessel-Inhaltsstoffe
  • Schwere Herz- und Nierenerkrankungen
  • Starke Ödeme bedingt durch Herz- oder Nierenleiden
  • Ekzeme, offene, nässende Wunden (gilt für die äußerliche Anwendung)
  • Keine Untersuchungen zu Kindern, Schwangerschaft und Stillzeit

Therapeutische & präventive Einsatzgebiete

Allergie: Eine in vitro Studie zeigte die Inhibition von zahlreichen Schlüsselprozessen durch Brennnesselextrakten, die zu Symptomen saisonaler Allergien beitragen. Mitunter wurde eine antagonistische Aktivität gegen den Histamin-1 Rezeptor, eine Verminderung der Mastzelldegranulation, eine Hemmung der Cyclooxygenase-1 und Cyclooxygenase-2 festgestellt, die eine zentrale Rolle bei entzündlichen Prozessen spielen. Laut dieser Studie könnte der Extrakt aus Brennnessel allergische Reaktionen reduzieren (1). In einer randomisierten Doppelblindstudie wurden 300 mg eines gefriergetrockneten Brennnesselblattextrakts für die Behandlung der allergischen Rhinitis eingesetzt. Im Gegensatz zur Placebogruppe verspürten die Patienten entweder gleiche, oder bessere Effekte verglichen mit ihrer vorherigen Therapie. Es erscheint widersprüchlich, dass eine histamin- und serotoninhaltige Pflanze allergische Symptome zu lindern scheint, die durch eben diese Mediatoren ausgelöst wird. Histamin scheint auch immunmodulatorische Effekte zu entfalten (2).

Arthritis: Extrakte aus der Brennnessel zeigen eine inhibierende (hemmende) Wirkung auf den biochemischen NF- κB Wirkungspfad, was eine Entzündungshemmung nach sich zieht. NF-κB ist ein spezifischer Transkriptionsfaktor, der vor allem bei der Regulation der Immunantwort, des Zellwachstums (Proliferation) und des Zelltodes (Apoptose) einer Zelle von großer Bedeutung ist (3). In einer anderen Studie wurden Teilnehmer mit einem akuten Arthritis-Schub in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhielt 200 mg Diclofenac (=entzündungshemmendes Schmerzmittel) und die andere 50mg Diclofenac + 50g gekochte Brennnesselblätter. Als Parameter wurden der CRP-Wert (=akuter Entzündungsmarker), Gelenksteifigkeit und die subjektive Schmerzwahrnehmung herangezogen. In beiden Gruppen trat eine 70 %ige Verbesserung dieser Parameter ein. Die Autoren schließen daraus, dass Brennnesselblätter die Wirkung des Schmerzmittels verstärken, wodurch das Medikament geringer dosiert und damit die Nebenwirkungen reduziert werden können (4).

Bluthochdruck: Eine randomisierte, doppelblind kontrollierte Studie zeigte, dass der Blattextrakt der Urtica dioica eine vielversprechende, sichere und effektive phytotherapeutische Maßnahme in der Therapie der milden Hypertonie darstellt (5).

Brustkrebs: In einer in-vivo Studie an Mäusen wurde gezeigt, dass Brennnesselextrakte durch zahlreiche Mechanismen antikanzerogene Aktivitäten aufweisen. Die antioxidative Wirkung, Induktion der Apoptose (Einleitung des Zelltods) von Krebszellen sowie die Hemmung einer ausufernden Zellteilung werden dabei genannt. Brennnesselextrakte beinhalten eine Mischung aus Inhaltsstoffen, die sich positiv in der Prävention oder begleitenden Chemotherapie von Brustkrebs, Prostatakrebs, aber auch andere Krebsarten, auszuwirken scheinen (6).

Diabetes Typ 2: Eine doppelblinde, randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie zeigte, dass die Einnahme von 500mg Brennnesselblattextrakt alle 8h den Nüchternblutzucker, postprandialen Blutzucker (2h nach dem Essen) und HbA1c-Wert in insulinbedürftigen Typ 2 Diabetikern signifikant senken konnte (PPARᵧ- agonistisch, α-Glucosidase-antagonistisch) (7).

Nierensteine, Harnwege und Gicht: In mehreren Studien an Ratten mit Nierensteinen konnte gezeigt werden, dass Brennnesselextrakte erhöhte Kalzium, Oxalsäure und Kreatininwerte im Urin signifikant senken konnte. Histologische Untersuchungen zeigten weiters eine signifikante Reduzierung von Kalzium- und Oxalatkristallbildung in der Niere und einen gleichzeitig protektiven (schützende), regenerierenden Effekt auf die Nieren. Brennnesselextrakte scheinen die Auflösung von Nierensteinen zu begünstigen und die Schädigung der Niere zu verringern. Diese Beobachtungen unterstützen die Annahme, dass Brennnesselextrakte bei Nieren und Harnwegsproblemen hilfreich sein könnten (8,9).

Prostatahyperplasie: In einer randomisierten, doppelblinden Studie wurde festgestellt, dass die Mischung aus Sägepalme/Brennnessel in der Therapie der Prostatavergrößerung dieselbe Effektivität entfaltet wie der klassisch eingesetzte Wirkstoff Finasterid, mit dem Unterschied, dass letzterer weniger gut vertragen wird (10). In einer weiteren Studie zeigte sich Brennnessel als eindeutig vorteilhaft gegenüber der Placebo-Gruppe in der symptomatischen Prostatahyperplasie. Es trat eine Verbesserung der Restharnmenge, geringerer Harndrang und ein geringeres Restharngefühl ein (11).

Wechseljahre: Die Einnahme von 450 mg Brennnesselextrakt täglich kann Hitzewallungen reduzieren, die Lebensqualität im Wechsel steigern und die Hormonspiegel (LH, FSH, Östradiol) harmonisieren (12).

Studien und Quellen

  1. Roschek, B., Fink, R. C., McMichael, M. & Alberte, R. S. (2009). Nettle extract (Urtica dioica) affects key receptors and enzymes associated with allergic rhinitis. Phytotherapy Research, 23(7), 920–926. https://doi.org/10.1002/ptr.2763
  2. Mittman, P. (1990). Randomized, Double-Blind Study of Freeze-Dried Urtica dioica in the Treatment of Allergic Rhinitis. Planta Medica, 56(01), 44–47. https://doi.org/10.1055/s-2006-960881
  3. Riehemann, K., Behnke, B. & Schulze-Osthoff, K. (1999). Plant extracts from stinging nettle (Urtica dioica), an antirheumatic remedy, inhibit the proinflammatory transcription factor NF-κB. FEBS Letters, 442(1), 89–94. https://doi.org/10.1016/s0014-5793(98)01622-6
  4. Chrubasik, S., Enderlein, W., Bauer, R. & Grabner, W. (1997). Evidence for antirheumatic effectiveness of Herba Urticae dioicae in acute arthritis: A pilot study. Phytomedicine, 4(2), 105–108. https://doi.org/10.1016/s0944-7113(97)80052-9
  5. Samaha, A. A., Fawaz, M., Salami, A., Baydoun, S. & Eid, A. H. (2019). Antihypertensive Indigenous Lebanese Plants: Ethnopharmacology and a Clinical Trial. Biomolecules, 9(7), 292. https://doi.org/10.3390/biom9070292
  6. Esposito, S., Bianco, A., Russo, R., Di Maro, A., Isernia, C. & Pedone, P. (2019). Therapeutic Perspectives of Molecules from Urtica dioica Extracts for Cancer Treatment. Molecules, 24(15), 2753. https://doi.org/10.3390/molecules24152753
  7. Kianbakht, S., Khalighi-Sigaroodi, F. & Dabaghian, F. (2013). Improved Glycemic Control in Patients with Advanced Type 2 Diabetes Mellitus Taking Urtica dioica Leaf Extract: A Randomized Double-Blind Placebo-Controlled Clinical Trial. Clinical Laboratory, 59(09+10/2013). https://doi.org/10.7754/clin.lab.2012.121019
  8. ZHANG, H., LI, N., LI, K. & LI, P. (2014). Protective effect of Urtica dioica methanol extract against experimentally induced urinary calculi in rats. Molecular Medicine Reports, 10(6), 3157–3162. https://doi.org/10.3892/mmr.2014.2610
  9. Nirumand, M., Hajialyani, M., Rahimi, R., Farzaei, M., Zingue, S., Nabavi, S. & Bishayee, A. (2018). Dietary Plants for the Prevention and Management of Kidney Stones: Preclinical and Clinical Evidence and Molecular Mechanisms. International Journal of Molecular Sciences, 19(3), 765. https://doi.org/10.3390/ijms19030765
  10. Sökeland, J. (2000). Combined sabal and urtica extract compared with finasteride in men with benign prostatic hyperplasia: analysis of prostate volume and therapeutic outcome. BJU International, 86(4), 439–442. https://doi.org/10.1046/j.1464-410x.2000.00776.x
  11. Safarinejad, M. R. (2005). Urtica dioicafor Treatment of Benign Prostatic Hyperplasia. Journal of Herbal Pharmacotherapy, 5(4), 1–11. https://doi.org/10.1080/j157v05n04_01
  12. Kargozar, R., Salari, R., Jarahi, L., Yousefi, M., Pourhoseini, S. A., Sahebkar-Khorasani, M. & Azizi, H. (2019). Urtica dioica in comparison with placebo and acupuncture: A new possibility for menopausal hot flashes: A randomized clinical trial. Complementary Therapies in Medicine, 44, 166–173. https://doi.org/10.1016/j.ctim.2019.04.003

Titwlbild von Kira Hoffmann auf Pixabay